Buch-Rezension: „Mama, I need to kotz!“ von Lucie Marshall
Oder was ich in London als Mutter lernte

13. September 2016

Wenn ich könnte, würde ich gerne mal für eine gewisse Zeit mit meiner Familie ins Ausland ziehen. Ich stelle es mir wahnsinnig spannend für uns alle vor, die Gepflogenheiten und kulturellen Unterschiede des jeweiligen Landes, über einen Urlaub hinaus kennenzulernen. Ich selber war vor meinen Kindern 15 Monate in Australien und bin lange durch die Welt gereist. Allein in Australien zu arbeiten war ein enormer Unterschied zu Deutschland. Wie muß es  also Kindern ergehen, die mal für eine gewisse Zeit im Ausland zur Schule oder in den Kindergarten gehen? Mehr Tellerrand geht ja wohl nicht.

MamaIneedtokotz

Als Lucie Marshalls (aka Tanya Neufeldt) neuestes Buch „Mama, I need to kotz!“ zur Rezension ins Haus flatterte, war ich daher auch direkt vom Thema gefesselt. Nein, natürlich nicht vom Thema Kotzen. Urx. In dem Buch geht es um die Zeit die Lucie mit Mann und ihrem 5 Jahre alten Sohn Sam aus beruflichen Gründen für 6 Monate von Berlin nach London verschlägt. Nun könnte man  erstmal meinen, daß London ja nicht weit entfernt ist und somit keine riesengroßen kulturellen Unterschiede mit sich bringt. Aber weit gefehlt.

In ihrem neuen Zuhause passieren kleine oder auch mal größere Katastrophen, die einen Briten vielleicht zum Wimpern zucken veranlassen würden, für einen Deutschen aber mitunter hochdramatisch sind. Der Brite nimmts halt mit Humor, der Deutsche wird hysterisch. An diesen Stellen musste ich oft lachen oder war auch mal peinlich berührt. Selbst wenn man sich selber vielleicht gar nicht mal für sooo deutsch hält, ertappt man sich spätestens hier, daß man doch Kind seiner Kultur ist und aus gewissen Mustern nicht einfach so ausbrechen kann. Das musste Lucie auch immer wieder feststellen und tut dies in einer witzigen und kurzweiligen Schreibweise.

„Und ich merke, wie erschreckend, beruhigend, überraschend – ich habe mich in diesem Punkt noch nicht entschieden – deutsch ich bin; wie gern ich das Problem gründlich gelöst und mit Stumpf und Stiel beseitigt haben möchte. Ich will am liebsten, dass der deutsche TÜV kommt und die Terrasse begutachtet, und dann hätte ich noch gern einen Statiker, der mal das ganze Haus unter die Lupe nimmt.“

Nichtsdestotrotz ist in London natürlich auch nicht alles Gold was glänzt und Berlin wirkt aus der Ferne zuweilen wie Bullerbü. Londons Preise sind astronomisch, das Wetter ist britisch, das Leben total strukturiert und es lässt wenig Raum für Spontanität und alles rund ums Thema Kindererziehung und Bildung erscheint hochkompliziert, ausufernd und zum Teil leicht neurotisch. Der Druck der von außen auf Eltern lastet, erscheint in London wie ein Hochleistungskarussell. Ein Punkt, der für Lucie und besonders auch für ihren kleinen Sohn Sam, nicht immer leicht ist.

„Man redet ständig über das Thema Schule. Mit allen und jedem! Dieses Thema ist omnipräsent: Wohin geht dein Kind jetzt? Wie viele Stunden? Wie viele Kurse? Wo habt ihr euch schon überall beworben, wer kennt wen?“ etc. etc.

So kommt es, das Lucie in der Ferne plötzlich wieder Wurzeln wachsen, die sie in Deutschland schon lange nicht mehr bemerkt hat. Ein Gefühl, das man nur bemerkt, wenn man seiner Heimat mal für längerer Zeit den Rücken zukehrt und das sich schön anfühlt. Ein bisschen wie frisch verliebt.

„Wenn man im Ausland lebt, dann werden plötzliche Kleinigkeiten zu Wurzelwerk. Es kann ein Geruch sein, eine Speise oder eine Zeitschrift. Es ist wie ein kleiner unsichtbarer Faden, eine Verbindung in die zurückgelassene, bekannte Welt. Als meine Mutter zu Besuch kam, folgte gleich auf unsere Begrüßung die Frage: Kannst Du uns bitte Königsberger Klopse mit Reis kochen?“

Dieses Gefühl kenne ich durch meine langen Reisen und Auslandsaufenthalte sehr gut und ich denke mit Belustigung daran zurück, als ich nach 4 Monaten Südostasien unbedingt in Singapur zum Oktoberfest gehen musste, um Haxe mit Sauerkraut zu essen (was ich in Deutschland nie esse). Oder als ich nach 8 Monaten des Reisens, in Neuseeland zur Karnevalszeit die von Freunden per Post zugeschickte Clownsnase anzog und die Höhner sang (und ich feiere nie Karneval). Oder als es mir nach 11 Monaten des Reisens, in Guatemala nach Nutella-Brötchen und Filterkaffee gelüstete und man mich deshalb einen ganzen Tag lang nicht mehr aus einem deutschen Cafe herausbekam.

„Neulich ging eine Familie vor mir her, und die Art und Weise, wie sie es taten, mit dieser ganz typisch deutschen Ungelenkigkeit, war mir sofort vertraut. Unsere Sprache hört sich wie eine Dinosauriersprache an im Vergleich zu der Leichtfüßigkeit der englischen Sprachemelodie. Und doch gab es sofort eine unsichtbare Verbindung und ein Gefühl der Vertrautheit.“

Ich möchte nicht zuviel vom Buch verraten, aber am Ende entscheiden sich Lucie und ihr Mann für Berlin und gegen London und gehen zurück in die Heimat. Auch wenn sie sich Hals über Kopf in London verliebt haben. Warum, wieso und weshalb solltet ihr selber lesen. Sie werden vieles an dieser großartigen Stadt vermissen, aber auch vieles in Berlin wieder mehr zu schätzen wissen. Besonders den Freiraum den unsere Kinder in Deutschland haben.

Mein Fazit:

Ein wundervolles Buch, das mich oft zum Schmunzeln aber auch zum Nachdenken gebracht habe. Der Erkenntnis, das mit Humor alles leichter geht, besonders das Elternsein und das man von einer Reise, niemals als dieselbe Person zurückkommt. Für alle die über einen Aufenthalt in London nachdenken, mal wieder Lachen oder Deutschland einfach aus einer anderen Perspektive sehen wollen. Für alle Eltern oder die, die es noch werden wollen.

Ich für meinen Teil, habe mich an vielen Stellen wiedererkannt. Vielleicht auch, weil Lucie genau wie ich Baujahr 1972 ist, wir beide aus Berlin stammen, Söhne im gleichen Alter haben und ich irgendwie auch mal ein bisschen in London „gelebt“ habe, weil mein Ex-Mann dort studierte und ich deshalb ständig dort war. Und da ich auch mal ein paar Jahre für British Airways gearbeitet habe, bin ich auch ein bisschen verknallt in die Briten. In ihre Höflichkeit, ihren Sinn für Humor, ihren britischen Singsang, ihre Coolness und ihre Kunst des SmallTalks. Ein paar Scheibchen davon, dürften wir Deutsche uns hin und wieder gerne mal abschneiden ;).

Mehr über Lucie Marshall könnt ihr auch auf ihrem wundervollen Blog lesen.

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2 Comments

  • Reply Anne 13. September 2016 at 9:49

    Och wie schön, das liest sich ja super. Ich erkenn mich da auch wieder. Total. Ich hab heute meinen ersten Post über Bangkok rausgehauen und mußte beim Lesen nochmal echt lachen…..man hört den Deutschen einfach sooo raus. Das wirste im Leben nicht mehr los ;-D. Nanü. Aber so isses eben. Schlimm ist nur, wenn man niemalsnie über den Tellerrand guckt. Bussl Anne

  • Reply Anne 13. September 2016 at 9:49

    Och wie schön, das liest sich ja super. Ich erkenn mich da auch wieder. Total. Ich hab heute meinen ersten Post über Bangkok rausgehauen und mußte beim Lesen nochmal echt lachen…..man hört den Deutschen einfach sooo raus. Das wirste im Leben nicht mehr los ;-D. Nanü. Aber so isses eben. Schlimm ist nur, wenn man niemalsnie über den Tellerrand guckt. Bussl Anne

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