Die portugiesische Inselkette der Azoren
10 Gründe, warum ihr NICHT auf die Azoren reisen solltet

8. Januar 2020

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt einen Bericht über die Azoren schreiben soll. Nachdem ich auf Instagram 3 Bilder (ohne Geotag oder Hashtags) gepostet hatte, bekam ich nämlich direkt zig Anfragen wo ich denn wäre und ob ich bitte baldmöglichst darüber schreiben kann. Verständlicherweise! Die Azoren sind ein absolutes Naturparadies und wunderschön. In Zeiten von Klimawandel und Overtourism möchte ich als Reisebloggerin die Lage jedoch nicht noch weiter verschlimmern. Gerade Inseln geraten sehr schnell an ihre touristischen Grenzen und die Azoren würden einen Ansturm mit Sicherheit nicht verkraften. Es ist also immer wieder eine Gradwanderung.

Da viele Menschen aber oftmals ein völlig falsches Bild von den Azoren haben, kläre ich heute mal auf. So traumhaft die Azoren nämlich auch sind, gibt es auch genug Gründe nicht dorthin zu fahren. Jedenfalls sind sie eindeutig nicht für jeden Menschen der perfekte Urlaubsort. Im Übrigen sind meine Eindrücke im Oktober entstanden. In der Hauptsaison von Mai bis September sieht die Lage sicher nochmal anders aus.

10 Gründe, warum ihr NICHT auf die Azoren reisen solltet

#1 Man erreicht die Azoren nur per Flugzeug

Die Azoren bestehen aus ingesamt 9 Inseln, die inmitten des Atlantiks liegen. Von Portugal aus sind sie ca. 1500 km und von Nordamerika ca. 3500 km entfernt. Man ist also wahrlich im Nirgendwo. Das hat zur Folge, dass man die Azoren nicht per Fähre, sondern nur per Flugzeug erreichen kann. Auch die einzelnen Inseln liegen z.T. bis zu 600 km auseinander und sind nur mit Azores Airlines schnell erreichbar. Es gibt zwischen den Inseln auch Fähren, aber diese verkehren nur unregelmäßig und die Anreise dauert mitunter bis zu 8 Stunden. Im Übrigen gibt es ab Boston Direktflüge nach Sao Miguel, was zur Folge hat, dass dort recht viele Amerikaner urlauben.

Von Deutschland aus kommt man aktuell nur mit der TAP über Lissabon dorthin. Ansonsten fliegt Ryan Air von April bis Oktober auch direkt von Frankfurt Hahn nach Ponte Delgada. Ryan Air lege ich normalerweise nicht gerne ans Herz, aber zumindest spart ein Direktflug an dieser Stelle CO2 ein.

Unseren Flug über Lissabon nach Ponte Delgada habe ich im Übrigen mit atmosfair kompensiert. Meinen CO2 Fußabdruck kann ich damit nicht wieder gut machen, aber ich versuche zum Ausgleich zumindest in klimafreundliche Projekte zu investieren: atmosfair Zertifikat

#2 Das berühmt-berüchtigte Azorentief

Als ich sagte, das wir auf die Azoren reisen würden, meinten viele Leute: „Ach, dann könnt ihr vor dem Winter ja nochmal richtig Sonne tanken.“ Fakt ist jedoch, dass auf den Azoren dauerhaft Aprilwetter herrscht und es mitunter genauso regnerisch, kühl und wechselhaft ist wie in Irland. Das berühmt-berüchtigte Azorentief oder auch -hoch hat halt nicht umsonst seinen Namen bekommen. Durch den ständigen Regen explodiert die Natur hier jedoch und es gibt alle Schattierungen von Grün.

Wir waren im Oktober auf Sao Miguel und die Tagestemperaturen lagen bei etwa 18 bis 22 Grad und nachts bei 15 Grad. Ohne Regenjacke und Pullover konnte man das Haus also nicht verlassen. 4 Jahreszeiten an einem Tag sind völlig normal. Ein heftiger Regenschauer kann jederzeit unverhofft kommen und wir mußten auch eine Wanderung abbrechen, weil es in einem durchschüttete. Richtig kalt wird es dank des Golfstroms nie. Das Klima ist ozeanisch-subtropisch, was milde Winter und warme Sommer zur Folge hat. Wärmer als 26 Grad wird es jedoch auch in der Hauptsaison von Mai bis September fast nie.

#3 Es herrscht Hurrikan Gefahr

10 Tage vor unserem Reisestart traf Hurrikan Lorenzo mit der höchsten Kategorie Fünf auf die Azoren. Er kam mit 20 Meter hohen Wellen und extremen Sturmböen, die einige Schäden anrichteten. Der Hurrikan war sehr ungewöhnlich, denn üblicherweise kommen diese nicht so weit in den Osten. Der Klimawandel machts möglich und die Azoren werden wohl auch in Zukunft immer mehr von Hurrikanes betroffen sein. Wir wußten anfangs nicht, ob wir überhaupt reisen können, aber zum Glück hat Lorenzo sich nur auf kaum bewohnten Inseln ausgetobt. Sao Miguel hatte er weitestgehend verschont.

#4 Die Strände sind weder bade- noch kinderfreundlich

Die Azoren bestehen hauptsächlich aus Steilküste und die wenigen Strände sind jetzt nicht unbedingt als Badeparadies bekannt. Da die Azoren vulkanisch sind, sind die Strände oftmals grau bis schwarz. Zudem fallen sie steil ins Meer ab und werden von starken Strömungen und sehr hohen Wellen heimgesucht. Im Oktober habe ich definitiv die höchsten Wellen meines Lebens gesehen und an Baden war absolut nicht zu denken. Ich hatte z.T. sogar Angst mit den Kindern am Strand entlangzulaufen.  Es gibt auch kleinere Buchten mit halbwegs badetauglichen Stränden, aber die erreicht man wegen kaum vorhandener Parkmöglichkeiten nur sehr schlecht. Wir hatten im Oktober Glück, es war aber auch sehr ruhig auf der Insel. Alternativ kann man die kostenfreien Meerwasserpools nutzen, die es in vielen Küstenorten gibt. Das Wasser ist jedoch immer kalt und auch hier muß man genau auf Ebbe und Flut achten.

Ein weiterer Punkt, der uns leider extrem tragisch ins Auge gestochen ist: die Strände der Azoren sind voller Müll, der mittlerweile aus Milliarden Mikroplastikteilchen besteht. An Müll aufsammeln ist hier leider nicht mehr zu denken, es sei denn, man möchte den ganzen Strand durchsieben.

#5 Touristische Infrastruktur? Außerhalb der Hauptstadt leidlich.

Die Infrastruktur von Sao Miguel ist in der Hauptstadt Ponte Delgada sehr gut. Es gibt Cafes, Restaurants, Shops, mehrere große Supermärkte und sogar eine Shopping Mall. Die Preise in den Supermärkten sind im Übrigen überraschend niedrig und es ist günstiger als bei uns. Ponte Delgada ist mit seinen knapp 18.000 Einwohnern überschaubar, aber man bekommt alles, was man braucht. Das liegt mit Sicherheit auch am großen Kreuzfahrt-Terminal, an dem u.a. regelmäßig die AIDA anlegt.

Außerhalb von Ponte Delgada wird es dann schon schwieriger. Auf Tagesausflügen sollte man sich immer Vorräte mitnehmen, da man nicht immer einen Supermarkt finden. Und die sind mitunter auch nur sehr spärlich ausgestattet. Dafür gibt es auf der ganzen Insel aber die herrlichsten Picknick-Spots. Auch Restaurants findet man nicht immer und überall und im Oktober sind sie z.T. auch ganz geschlossen. Auf Google und Öffnungszeiten im Internet kann man sich auf den Azoren jedenfalls nicht verlassen. Wir standen des Öfteren vor verschlossenen Türen.

#6 Nix für Partypeople und Shoppingqueens

Sao Miguel hat mich an Portugal in den 90er Jahren erinnert. Es ist wirklich noch sehr ursprünglich und wurde bisher vom Massentourismus verschont. Wer weiß, wie es auf den noch weniger frequentierten Inseln aussieht? So sollte es jedoch möglichst auch bleiben. Souvenirbuden oder spezielle Touristen-Etablissements findet man kaum. Wer also auf die Azoren fährt und Party- sowie Shopping-Highlights sucht, wird sie nicht finden. Die Azoren besucht man wegen seiner Natur und um diese möglichst wandernd zu entdecken.

#7 Tierwohl hat hier eine andere Bedeutung

Ein Bild lässt mich nicht mehr los. Wir sind als einzige Touristen auf einer azoreanischen Ernte-Dank-Feier gelandet. Es war ein lockeres, heiteres Fest für alle Beteiligten. Nur nicht für die Tiere. Enten und Hühner wurden in winzige Käfige zusammengefercht und verletzten sich in Panik gegenseitig. Zwei Kälbchen standen an einen Stein angebunden und zitternd, inmitten einer lärmenden Menschenmasse. Ihr Schicksal ungewiss. Ich nehme an, sie wurden an den Höchstbietenden verkauft und geschlachtet. Ähnliche Bilder habe ich auch auf Märkten in Portugal in den 90er Jahren gesehen. In Zeiten von Massentierhaltung müssen wir uns nicht darüber unterhalten, das solche Dinge hierzulande ständig passieren. Ich kann sie jedoch nicht ertragen.

#8 Ziel des Instagram Overtourism

Gebt mal den Hashtag Azoren auf Instagram ein. Dann werdet ihr unzählige gehypte Bilder von „Instagram-Sternchen“ sehen. Die Azoren sind für Instagrammer the-place-to-be und wir haben das Foto-Spektakel auch mal wieder live verfolgen dürfen. Da lässt man seine Drohne dann über den Wasserfall fliegen und sich fotografieren, während man so tut als ob man gerade ein einsames erfrischendes Bad nimmt. Blöderweise gucken dabei nur 30 andere Menschen entnervt zu. Andreas von Reisewut hat gerade einen sehr treffenden Bericht über den Instagram Overtourism geschrieben, dem ich leider nur beipflichten kann.

#9 Kulinarische Highlights? Muß man suchen.

Das portugiesische Essen fanden wir schon auf unserem Portugal-Roadtrip 2015 nicht spektakulär. Auf den Azoren war es dann noch leidlicher. Die Mahlzeiten bestehen fast nur aus Fisch oder Fleisch und für Vegetarier gibt es kaum etwas. Aber selbst die Standardgerichte sind meist überschaubar. Ein Stück Fleisch und Fritten das wars. Gemüse wird überbewertet und selbst meinen heißgeliebten Oktopus-Salat musste ich suchen. Einzug gehalten haben mittlerweile dafür überall Pizza und Burger. Meine Kinder waren hocherfreut, ich jedoch schwer enttäuscht. Tatsächlich kann ich euch daher auch nur ein Restaurant für gute azorianische Küche ans Herz legen. Das A Tasca im Herzen von Ponte Delgada fanden wir mega, man braucht jedoch unbedingt eine Tischreservierung. Die Restaurantpreise sind in etwa ähnlich wie bei uns.

#10 Straßenverhältnisse? Gut bis gruselig.

Die EU hat in den letzten Jahren sehr viel Geld in die Infrastruktur der Azoren gepumpt und daher sind die Hauptverkehrsstraßen sehr gut. Die Fahrweise der Einheimischen ist entspannt und man kann mit einem Mietwagen perfekt die Insel erkunden. Ob man das auch per Bus machen kann, kann ich nicht beantworten. Aber da ich kaum welche gesehen habe, gehe ich von einem eher spärlichen ÖPNV aus.

Sobald man die Hauptstraßen verlässt, wird es mitunter jedoch auch schon mal haarig. Viele Straßen sind ungeteert und bei Regen eine Matschpiste voller Schlaglöcher. Die Straßen sind serpentinenreich und es geht ständig hoch und runter. Dafür wird man aber auch mit spektakulären Aussichten belohnt. Manch eine Straße sollte man jedoch nur befahren, wenn man lebensmüde ist. Vor uns platzte einem  deutschen Touristenpaar ein Reifen direkt an einem steilen Berghang. Da wir an dieser Stelle absolut nicht halten konnten, ohne uns selber in Gefahr zu begeben, weiß ich nicht, was aus ihnen geworden ist. Manche Straßen und Pässen werden auch schon mal geschlossen, weil der ganze Hang samt Straße wegrutscht (wie z.B. nach Hurrikan Lorenzo).

Was haben wir auf den Azoren gemacht?

Wir waren im Oktober für 10 Tage auf der Hauptinsel Sao Miguel und haben uns keine weitere Insel angeschaut. Wer länger Zeit hat, sollte sich jedoch unbedingt noch weitere Inseln anschauen (am Besten per Fähre). Jede der Azoren-Inseln ist unterschiedlich und bietet einen ganz eigenen Mikrokosmos. Da wir mit der TAP über Lissabon angereist sind, haben wir unsere restlichen Urlaubstage dazu genutzt, noch einen mehrtägigen Stop Over im nördlichen Portugal einzulegen.

Wir haben 5 Tage in einer Ferienwohnung bei Ponte Delgada und 5 Tage in einer kleinen Anlage in Ribeira Grande gewohnt. Das war perfekt, um die Insel in alle Himmelsrichtungen zu entdecken. 10 Tage waren ausreichend für Sao Miguel. Man sollte jedoch mindestens eine Woche für die Hauptinsel einplanen, denn es gibt wirklich wahnsinnig viel zu entdecken. Die wundervolle Quinta do Passo*  in Ribeira Grande kann ich euch im Übrigen sehr ans Herz legen. Ein eigenes Häuschen inmitten eines alten Gutshofes. Die kleine Anlage mit Gemeinschaftspool liegt zentral im Ortskern und die Besitzer sind supernett.

Last but not least und falls ihr nun doch (trotz aller Abschreckung 😉 ) auf die Azoren reisen wollt, empfehle ich euch den Azoren Reiseführer von Dumont*. Den Dumont Guide haben wir auch schon für unseren Trip nach Schweden genutzt und waren sehr zufrieden. Die Reiseführer sind sehr übersichtlich und informativ gestaltet und bieten viele persönliche Tipps, Adressen, Touren und Lieblingsorte. Außerdem beinhaltet das Azoren Taschenbuch eine Landkarte über die gesamte Inselwelt sowie lesenswerte kleine Reisefeuilletons über Ananas- und Teeplantagen, Walfänger und Naturschutz. Dadurch ist dieser Guide soviel mehr als nur ein Reiseführer.

Ob ich all meine Tipps zusammenfasse? Ich weiß es gerade noch nicht genau. Denn eigentlich möchte ich die Azoren vor einem Reisehype, wie ihn z.B. Island seit ein paar Jahren erlebt, wirklich schützen. Aber vielleicht könnt ihr nun erstmal einschätzen, ob die Azoren überhaupt etwas für euch sind.

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4 Comments

  • Reply Jenny 8. Januar 2020 at 15:39

    Was für eine wunderbare Idee für einen Beitrag! Genau aus diesen Gründen stehen die Azoren nicht auf unserer Bucket List. Wir lassen sie lieber in Ruhe, damit sie weiterhin so verwunschen aussehen wie auf deinen Bildern!

    LG
    Jenny

    • Reply nadine 9. Januar 2020 at 10:25

      Dabei wären die Azoren genau euer Ding, weil sie mit den Vulkanen, heißen Quellen und der explodierenden Vegetation so ne Art Mini-Neuseeland sind. 😉 Verwunschen werden sie aber in der Tat nur bleiben, wenn es bei einer gewissen Anzahl an Touristen bleibt. Da müsste die Regierung wohl ein Auge drauf haben und das notfalls reglementieren. LG, Nadine

  • Reply Viermal Fernweh 10. Januar 2020 at 11:13

    Liebe Nadine, ein toller Beitrag mit super schönen Fotos. Ich hoffe, Du bist nicht enttäuscht, dass Du mich nicht von den Azoren abhalten kannst. Sie stehen schon lange auf meiner Reiseliste, gerade weil mich die Natur reizt und ich kein großes urbanes tam tam brauche.
    Liebe Grüße, Ines

  • Reply Nadine 11. Januar 2020 at 23:03

    Haha, das wäre der perfekte Urlaubsort für mich, ich liebe so ein gemischtes Wetter, und auch, dass es nicht so touristisch erschlossen ist, nur fliegen wir eben nicht mehr, von daher bleibe ich den Azoren entfernt 🙂

    Ich vermute, dass Madeira auch mal so ähnlich gewesen sein muss, heute ist es ja auch touristischer Ort, den sich viele leisten können und der mit EU-Geldern ordentlich durchsaniert wurde (zumindestens bis zum Feuer, wie es sich danach entwickelt hat, habe ich nicht mehr verfolgt).

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