Reisegedanken

Warum Ihr als Familie unbedingt reisen und nicht nur urlauben solltet

So ein Leben als Familie ist ganz schön anstrengend. Kinderlose Menschen haben nach dem Job ja in der Regel erstmal Freizeit und können sich Freunden oder Hobbies widmen. Für Eltern heisst es jedoch: nach dem Job ist vor dem Job. Da geht der Trubel nämlich erst so richtig los. Elternsein ist ein Full-Time-Job der manchmal ziemlich nervenzehrend ist. Kein Wunder also, wenn Eltern sich in all dem Alltagsstress nach einem erholsamen Urlaub sehnen. Wo man mal alle Viere von sich strecken kann und nix tut, außer faul in der Sonne liegen und ein Buch lesen, während der Nachwuchs im Kiddie-Club bespasst wird.

Ich habe ein paar Familienreiseblogger befragt, die Experten auf dem Thema sind. Wie seht Ihr das? Wie wichtig ist Urlaub als Familie? Macht Urlaub vielleicht doof? 😉 Und sollte man deshalb vielleicht besser einfach nur reisen? Oder gibt es einen goldenen Mittelweg?

Christina von der Reisemeisterei hat das Thema bereits mehrfach (z.B. hier) hinterfragt und folgendes Statement für mich:

Planet Hibbel 100914-1

Eine gut reflektierte und ansprechende Antwort wäre vermutlich: Um gemeinsam die Welt zu entdecken, Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen zu lernen, den Horizont zu erweitern, Sprachen zu vertiefen, Spaß zu haben, gemeinsam als Familie zu wachsen, wertvolle Zeit miteinander zu verbringen und vieles andere. Und das stimmt auch definitiv! Da will ich mal gar nichts gegen sagen. Das ist genau meine Einstellung. Denn hey: Ich knapse mir sogar wertvolle Zeit zwischen den vielen Verpflichtungen mit viel Herzblut für einen eigenen Familienreiseblog ab.

Eine darüber hinausgehende Antwort ist allerdings auch: Ich kann gar nicht anders. Ich habe es versucht. Mich unter den Sonnenschirm gelegt, mir die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Ich werde dabei einfach hibbelig, Frau Hibbel, und bin nur in Ausnahmefällen entspannt. Unser Reisemäuschen hat in dieser Hinsicht wohl schon mit 2 Jahren die Gene der Mama geerbt. Die Umgebung vom Radanhänger aus erleben, auf allem herumklettern, Boot fahren, einen Wald erkunden, spannendes Essen ausprobieren und fremde Menschen kennen lernen. Da blüht unser Mädchen auf, ebenso wie wir. Und damit ist es einfach unser Stil, die Welt zu erleben. Und Seelenfutter für die Reisemeisterei-Seele.

Anne von überallundnirgendwo reist mit Ihren drei Jungs am Liebsten nach Thailand und in die Emirate und hat auf meine Frage eine fast schon philosophische Antwort ;):

ÜJungs

Du MUSST mit Deinen Kindern reisen und darfst nicht nur urlauben, weil Deine Kinder sonst möglicherweise nie erfahren werden, wie die Welt tickt und über diesen Umweg auch wer sie selber sind. Ich meine damit die Welt außerhalb Deiner Familie, Deines Freundeskreises, Deines täglichen Umfeldes und auch außerhalb der Käseglocke einer doof machenden Urlaubsbeschäftigungsanimatuerundallinclusivemaschinerie.

Reisen statt urlauben hält das flexible Gehirn auf Trab, lässt Dich Sprachen, Umgangsformen und Lebensweisen lernen, schult Deine emphatischen Fähigkeiten, lehrt Dich Hürden zu überspringen und Krisen zu umschiffen. Reisen macht auch immer ein wenig demütig und schenkt Dir so ein klitzekleinwenig die Weisheit, mit dem Leben in Deiner kleinen Welt mehr als zufrieden zu sein. Es erdet Dich, lässt Dich Deinen Platz in der Welt fühlen und zeigt Dir wer Du wirklich bist und was Dich ausmacht. Urlauben entspannt, Reisen macht aber deutlich mehr mit Dir: es macht Dich glücklich!

Eva von hiddengem, seit drei Jahrzehnten eingefleischte Rucksackreisende, hat darauf folgende (Nicht)Antwort ;):

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Seit Tagen grüble ich nun über diese Frage und wie ich zu dem Thema stehe nach. Irgendwie will mir trotz derzeitigen Dauerflow nichts Oberschlaues dazu einfallen. Natürlich könnte ich ganz weltfrauisch aufzählen, dass Reisen bildet, das Verständnis für andere Kulturen schärft, die Kinder wieder erdet, Reize die Hirntätigkeit stimulieren, usw., usw. Ganz ehrlich, das wär dann aber so gar nicht ich, weil ich mir über so etwas keinerlei Gedanken mache, wenn ich meinen Nachwuchs durch die Welt schleppe und im Allgemeinen meinen Erziehungsauftrag sowieso eher salopp nehme. Ich finde nämlich, dass Kinder nichts mehr brauchen als Liebe, eine glückliche Kindheit und vor allem viel Zeit zum Spielen und die Welt zu entdecken. Wohl auch aus puren Egoismus-Gründen (wer will denn schon dauernd Kinder-Chauffeur spielen) halte ich auch nichts von Frühförderung, Leistungssport und Chinesisch für Kleinkinder.

Obendrein ist es mir dann heute Morgen wie Schuppen von den Augen gefallen, ich habe null Kompetenz, diese Frage zu beantworten. Ich weiß rein gar nichts über Urlaub. Tschuldigung Nadine, ich bin der falsche Ansprechpartner. Ich habe nämlich in meinen ganzen Leben noch nie Urlaub gemacht (der mit 4 Jahren in Jesolo unter Sonnenschirm in Reihe sieben zählt nicht, daran erinnere ich mich nicht ein Stück). Meine Eltern sind mit uns im Wohnwagen durch die Lande gezogen, nachdem auch sie scheinbar vom Teutonengrill kuriert waren. Mit 16 dann habe ich selbst zum ersten Mal den Rucksack geschultert und bin durch die Welt getingelt. Selbst wenn ich mal im Urlaub war – ich definiere Urlaub als etwa zwei bis drei Wochen freie Zeit am Stück, die einem angestellt arbeitenden Menschen von Zeit zu Zeit zur Verfügung stehen – bin ich gereist und von Ort zu Ort, von Land zu Land gezogen. Genauso handhaben wir es auch heute als Familie noch, wir reisen und das kann ich jedem mit Kindern auch wärmstens empfehlen, denn wir erleben nicht nur die Welt unterm Sonnenschirm, sondern vor allem gemeinsam etwas. Vielleicht ist das die Begründung?!

Jenny von den Weltwunderern, deren komplette Familie dem Charme Neuseelands verfallen ist, sieht das so:

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Bis vor ein paar Monaten hätte ich noch aus voller Überzeugung gesagt: Richtigen Urlaub brauchen wir nicht. Wir finden nichts an tagelangem Pool-Rumhängen, an Erholen ohne Entdecken, an Reisezielen, von denen wir nicht herausgefordert werden. Zeitverschwendung! Dann kamen das Weltwunderkind Nummer drei und eine enorm fordernde Zeit im Job für uns beide (Elternzeit als Freiberufler? Haha.). Und wir brachten einfach die Energie nicht auf, eine weitere Rundreise durch ein unbekanntes Land mit schmalem Budget zu planen, geschweige denn durchzuziehen.

Diesen Sommer haben wir also ganz schnöde auf einem Campingplatz an der Ostsee verbracht, auf dem wir schon dreimal waren. Es war herrlich: Aufstehen und lange frühstücken ohne Drängeln, weil ja ein Ausflug geplant ist oder wir weiterziehen müssen. Mittags immer noch nichts tun, weil die Kids gerade so schön malen/spielen/unauffindbar sind. Nachmittags dann endlich an den Strand, ohne Fotoapparat, weil weder Palmen noch fremdländische Bräuche für die Ewigkeit festzuhalten sind. Zum (verspäteten) Mittagessen gibt’s Fischbrötchen und/oder Eis – schmeckt uns und den Kindern. Für Wanderungen oder Ausflüge ist es eh viel zu warm – also lassen wir es bleiben, hängen ab, bauen Sandburgen und üben Auf-den-Fingern-Pfeifen. Abends bringen sich die Kinder irgendwann selbst ins Bett und wir sitzen mit unseren Freunden zusammen – ohne dass ich die Fotos des Tages bearbeiten und unsere Erlebnisse in Blog-Form bringen muss. Gute Nacht! Urlaub war genau das, was wir dieses Jahr dringend nötig hatten; in unseren Speichern war einfach kein Platz mehr für neue Erlebnisse und keine Energie für neue Herausforderungen. Auch unser Schulkind hat sich sichtlich erholt – beim einfach nur Urlaub machen.

Aber die kostbare gemeinsame freie Zeit immer so faul verbringen? Nee. Schon bald nach der Rückkehr in den Alltag fehlten uns die Erinnerungen an tolle Landschaften, an bestandene Herausforderungen, an kulinarische Entdeckungen (und Abscheulichkeiten), neu gelernte Wörter und Bekanntschaften. Und die Weltwunderkinder sprachen von Vietnam, von Norwegen und von Neuseeland und grübelten, wo sie als nächstes gern hinwollen. Wir freuen uns schon auf die nächste große Reise – die wir jetzt mit frisch aufgeladenen Akkus herbeisehnen.

 

Ja…und wie seh ich das? Seit diesem Jahr kann ich (bedingt) nachvollziehen, warum manche Menschen so eine Total-Auszeit brauchen. Ich habe den ersten Pauschalurlaub mit Kind in Bibione gemacht und war in Tirol in einem Familienhotel und es war trotz meiner Bedenken toll.

Trotzdem sollte man aus meiner Sicht, vor lauter Urlauben das Reisen nicht vergessen. Ich kenne Leute, die fahren zum 5ten Mal in den gleichen Club und haben noch nie etwas von der Umgebung gesehen. Für mich unvorstellbar. Ich bin schon als Kind viel mit meinen Eltern gereist und habe Land und Leute kennengelernt. Mit 8 Jahren waren griechische Tempel mein Spielplatz, mit 12 bin ich durch die marokkanische Wüste gestapft und mit 15 quer durch Kappadokien gereist. Das war in den 70er und 80er Jahren in der Tat ein Abenteuer. Und das sind die Reisemomente, die mir auch am Eindrücklichsten in Erinnerung geblieben sind und mich am Meisten geprägt haben. Nicht die ewig gleichen Tage am Strand oder Pool. Keine Frage, das ist für Kinder natürlich auch toll und gehört dazu. Aber ich finde so nen Mix aus Reise und Urlaub immer am Besten.

Und wie seht Ihr das? Empfindet Ihr Reisen mit Kindern als zu anstrengend? Hängt Ihr Euch lieber als Familie pauschal zwei Wochen an den Pool? Oder reist Ihr durch die Weltgeschichte, erlebt Abenteuer und pfeift auf Erholung? Und wie habt Ihr das als Kind so erlebt? Ich bin sehr gespannt auf Eure Antworten.

14 Kommentare

  1. Hallo Frau Hibbel!

    Reisen mit Kindern ist anstengend – manchmal sogar sehr!
    Trotzdem lohnt es sich und es lohnt sich mit den Kindern Abenteuer zu erleben. Für mich ist Reisen mit Kindern wie eine Schatzsuche. Mit jedem Abenteuer, das wir gemeinsam erleben finden wir (im übertragenene Sinne) einen ganz besonderen Edelstein, den wir in das Schatzkistchen Leben legen – in unseres und in das der Kinder.
    Am Pool finden wir keine Edelsteine…
    Ich geniesse es immer wieder, wenn die Kinder ihre Edelsteine hervorholen und sich an tolle Erlebnisse erinnern. Das sind die Moment, die mir bewusst machen, dass sich die Anstrengung, die wir auf uns nehmen lohnt.
    Lieber Gruss

  2. Ja, liebe Nadine, Bibione tat neben der Tatsache, dass es schon die typische Tourihochburg war, auch irgendwie gut. Es war so entspannt mit einem zappeligen Kleinkind. Abgesehen davon war es einfach schön, die Zeit dort mit Euch zu verbringen und den ein oder anderen Wein abends in der Sofaecke zu schlürfen 😉 Mal wieder? Herzliche Grüße, Christina

  3. Liebe Nadine, das ist eine sehr nachdenklich machende Gedankensammlung geworden, danke, dass wir mitmachen durften!
    Mir ist noch ein sehr wichtiges Argument gegen „Urlaub“ im Katalog-Verständnis eingefallen: All-inclusive-Clubs, Hotelburgen und Kreuzfahrtschiffe sind unglaubliche Energiefresser und zerstören in sehr vielen Fällen die Umwelt und die lokale Wirtschaft in den Regionen, in denen sie liegen. Profitieren tun nur die Konzerne, die sie betreiben. Wer dort regelmäßig „Urlaub“ macht, versündigt sich an der Umwelt und an seinen Mitmenschen – mal ganz krass gesagt. Und das will ich meinen Kindern nicht aufbürden, das können sie meinetwegen machen, wenn sie allein losziehen (und tun es hoffentlich nicht).

    LG
    Jenny

    • frau hibbel sagt

      Stimmt Jenny. Ein guter Punkt. Darüber mache ich mir in der Tat immer nur Gedanken, wenn ich in irgendwelchen Hotels versuche ein paar Tage lang mein Handtuch zu benutzen und es nicht nach einem Mal Hände abtrocknen in die Wanne werfen.

  4. Ein sehr spannendes Thema hast Du da angeschnitten!
    So manches Mal vom Alltag gestresst haben wir dann auch einfach „nur“ einen Urlaub herbeigeseht. Gutes Wetter, schönes Hotel, leckeres Essen & Wohlfühlen. Aber doch stellt sich nach ein paar Tagen dann immer ein leicht zappeliges Gefühl ein – jetzt sind wir xxxx km von zuhause entfernt und sollen hier nur am Pool rumhängen? Wenn ich also an all unsere Urlaube zurückdenke, waren es nie wirklich nur reine Urlaube, denn igendwann überkam uns doch immer wieder die Entdeckungslust. Als die Kinder noch kleiner waren, wurde halt entsprechend weniger entdeckt, – jetzt sind sie größer und die Abenteuerlust steigt. Einen Urlaub zu buchen und dabei nur Club oder Hotel gedanklich zuzulassen, geht gar nicht. Also versuchen wir meistens einen Mix,- also schönes Hotel aber eben auch ein interessantes Reiseziel, wo man auch was entdecken kann. Und egal wo wir sind – meistens sind es nie die touristischen Hauptattraktionen, weil einfach zu viele Leute. Lieber ziehe ich ein paar Geheimtipps vor (die man natürlich nicht immer kriegt) oder auch mal ein paar skurile Plätze – Friedhöfe sind immer toll *lach*. Durch Geocaching haben wir allerdings auch schon viele interessante Plätze im In- und Ausland entdeckt – auch eine nette Art, sich mal neben den Touristentrampelpfaden zu bewegen 😉

    Liebe Grüße
    Petra

  5. Ich kann zwar nur von „ein Kinder“ ;-))) und der Vergangenheit sprechen, aber auch wir haben es früher mit Reisen gehalten. Schon als Lütter ist Junior mit uns gereist und hat es genauso gemocht wie wir. Einen Cluburlaub mit Animationen brauchten wir nie, und nur am Strand rumliegen wäre selbst ihm zu langweilig gewesen.

    Herzliche Abendgrüsse

    N☼va

  6. Öhhhohje…..wie schrecklich……ich mein das echt so. Philosphisch. Hm. Jetzt komm ich mir ja ultra spießig vor. Aber was gesagt werden muss, muss wohl gesagt werden ;-D. So isses halt das Frolleinsche. So und jetzt freu ich mir erst mal n Loch in den Bauch, denn in 3 Wochen geht´s ab nach Italien. Jau! Bis vielleicht übermorgen mit Inka! Winkewinke Anne

  7. Pony Hütchen sagt

    ich kann mir Urlaub nicht leisten. Ich habe festgestellt, dass Reisen einfach günstiger kommt.
    Schöner Blog übrigens. Wurde hergelockt von den weltenwunderen.

    • frau hibbel sagt

      Da stimme ich Dir voll und ganz zu, Pony Hütchen. Urlaub (im Sinne Pauschalreise) können wir uns zu Viert auch nicht so eben leisten. Reisen ist auf jeden Fall günstiger. Und danke schön!

  8. Liebe Frau Hibbel,

    mein Männe und ich sind in den letzten Jahren auch ein bisl rumgekommen und wollen das auch mit gerade anstehendem Nachwuchs beibehalten. Von allen Seiten hören wir immer „Das Reisen könnt ihr ja jetzt erstmal vergessen!“ und da freue ich mich immer über Blogs wie deinen, der zeigt, dass es doch geht. Ok, nächstes Jahr wird es mit frischem Baby wahrscheinlich wirklich ne Autoreise nach Kroatien. Aber da waren wir beide (dann drei) noch nie und da wir das ganze Land sehen wollen, ist es eine Reise ins Unbekannte und am Strand liegen werde ich nur, wenn der Mann tauchen ist 🙂

    Liebe Grüße,
    Ann-Christin

  9. Pingback: Was ist Urlaub und was ist Reise? - ReisemeistereiReisemeisterei

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